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+++ Die 29 Pavillons der Giardini – Ihr kompletter Art Guide für die Biennale Arte 2026 +++
Biennale Arte 2026 · Giardini

Ihr Art Guide in den Giardini

Pavillons im Giardini mit KünstlerInnen, KuratorInnen und Werken

Die Giardini entstanden Anfang des 19. Jahrhunderts, als Napoleon verfügte, Venedig nach Pariser Vorbild mit öffentlichen Gärten auszustatten. Er ließ im Stadtteil Castello Kirchen, Klöster und ein Hospital abreißen und an ihrer Stelle einen öffentlichen Garten anlegen. Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Giardini zur Bühne der neuen Internationalen Kunstausstellung: 1895 eröffnete die Biennale, 1907 folgte mit Belgien der erste Länderpavillon, weitere Nationen zogen nach. Heute stehen dreißig nationale Pavillons in den Giardini – jeder im Besitz seines Landes und wird auf eigene Kosten bespielt.

Interaktiver Lageplan Länderkürzel anklicken · aktiver Pavillon wird beim Scrollen markiert
Nationalpavillons
Zentralpavillon · Hauptausstellung
BIENNALE ARTE 2026 · GIARDINI

Die Nationalpavillons im Detail

Zum Gebrauch: Die Pavillons sind in der offiziellen Rundgangsreihenfolge nummeriert (01–29). Nutzen Sie die Übersicht links oder die interaktive Karte oben, um direkt zu einem Pavillon zu springen.
01

Zentralpavillon

„In Minor Keys – Die Hauptausstellung"
Ausstellung„In Minor Keys – Die Hauptausstellung"
Künstler:in110 eingeladene TeilnehmerInnen
Kurator:inKoyo Kouoh (1967–2025) posthum · Kuratorisches Team: Gabe Beckhurst Feijoo, Marie-Hélène Pereira, Rasha Salti, Siddhartha Mitter, Rory Tsapayi
OrtPadiglione Centrale · Giardini della Biennale
ArchitekturHistorischer Padiglione Centrale · einer der größten Ausstellungsbauten der gesamten Biennale · italienische Gastgeberstruktur, seit 1894 als zentraler Pavillon der Giardini

Schon vor dem Eingang beginnt die Ausstellung: Die nigerianisch-belgische Künstlerin Otobong Nkanga hat die vier weissen Säulen vor dem Padiglione Centrale mit venezianischem Backstein ummantelt und daran Glas-Terrarien, Tonblumentöpfe und hölzerne Bienen-Häuser gehängt. Die Pflanzen sollen die Säulen über die Monate überwuchern – ein Bild für die ganze Schau: leise Verwandlung statt Spektakel.

Kuratorin Koyo Kouoh – die erste afrikanische Frau in dieser Rolle – verstarb im Mai 2025 unerwartet, nachdem sie das Konzept vollständig ausgearbeitet hatte. Ihr Team realisiert ihre Vision: „In Minor Keys" lädt dazu ein, „in Moll-Tonarten zu hören" – auf das Geflüsterte, das Periphere, die Inseln der Würde. Kein Eskapismus vor den Krisen unserer Zeit, sondern eine radikale Rückkehr zum Emotionalen, Sinnlichen, Subjektiven.

Die Ausstellung ist um vier ineinander fliessende Stimmungslagen organisiert – nicht als Themen-Säle, sondern als Atmosphären, die ineinander übergehen. „Shrines" (Schreine) im Zentrum sind dem senegalesischen Dichter Issa Samb und der amerikanischen Bildhauerin Beverly Buchanan gewidmet – beide prägten Kouohs Denken. „Procession" (Prozession) wird verkörpert von Big Chief Demond Melancons „Amistad Takeover": ein orangefarbener Glasperlen-Anzug mit eingestickter Darstellung des Sklavenaufstands auf dem Schiff Amistad (1839), jede Perle handgenäht. „Rest" (Ruhe) bietet Pausenräume von Kader Attia, Wangechi Mutu und der mit 83 Jahren ältesten Teilnehmerin Helen Sebidi. „Schools" (Schulen) gibt sechs künstler:innen-geleiteten Institutionen Raum, darunter dem von Kouoh gegründeten RAW Material Company in Dakar.

Nicht verpassen: Maria Magdalena Campos-Pons hat Koyo Kouoh selbst auf einer wandfüllenden Aquarell-Komposition verewigt – Seite an Seite mit der Literatur-Nobelpreisträgerin Toni Morrison, gehüllt in Magnolienzweige – ergänzt durch sieben gläserne und keramische Magnolien auf Sockeln davor. Indigo-blaue Stoffbanner mit Gedichten (u.a. vom palästinensischen Dichter Refaat al-Areer) ziehen sich als blauer Faden durch die Räume. Die Szenografie der südafrikanischen Wolff Architects spielt mit Schwellen und Lichtfilterungen – inspiriert vom japanischen Wort „komorebi", dem gefleckten Licht durch Blätter.

Insgesamt 110 Künstler:innen, Duos und Kollektive aus aller Welt sind versammelt, mit deutlichem Schwerpunkt auf Stimmen aus dem Globalen Süden. Tipp: Geh den Pavillon nicht ab wie eine Checkliste. Setze dich, höre, schau zweimal. Vieles spricht von Trauer, aber alles ist auch eine Form von Trost.

02

Schweiz

„«The Unfinished Business of Living Together» (Das unvollendete Projekt des Zusammenlebens)"
ARTBEAT TOP EMPFEHLUNG
Ausstellung„«The Unfinished Business of Living Together» (Das unvollendete Projekt des Zusammenlebens)"
Künstler:inKollektiv: Gianmaria Andreetta, Luca Beeler, Nina Wakeford, Miriam Laura Leonardi, Lithic Alliance und Yul Tomatala
Kurator:inGianmaria Andreetta und Luca Beeler
OrtSchweizer Pavillon · Giardini della Biennale
ArchitekturDer Schweizer Pavillon, erbaut 1952 von Bruno Giacometti dem Bruder des Bildhauers Alberto Giacometti, steht als Paradebeispiel schweizerischer Nachkriegs-Modernität. Kubisch, flach gedeckt, mit großzügigen Glasflächen und einer Struktur aus Beton, Holz und Glas, die Helligkeit nicht erzwingt, sondern einlädt.

Was hält Gesellschaften zusammen – und was treibt sie auseinander? Das Schweizer Kollektiv stellt im Schweizer Pavillon genau diese Frage – und tut es mit erstaunlicher Klarheit. Ausgangspunkt ist eine Fernsehsendung: Telearena, 1978 vom Schweizer Fernsehen ausgestrahlt, in der sexuelle Orientierung offen und kontrovers diskutiert wurde. Damals sei das vermeintliche «Problem der Homosexualität» öffentlich und kontrovers mit Live-Publikum diskutiert worden. Diese Sendung habe zu den ersten gehört, in denen sich Personen, die sich als homosexuell identifizierten, über subkulturelle Gruppen hinaus öffentlich Gehör hätten verschaffen können. Ein Dokument seiner Zeit – und zugleich erschreckend gegenwärtig.

Das sechsköpfige Kollektiv – Gianmaria Andreetta (Lugano/Berlin), Luca Beeler (Zürich), die britische Künstlerin Nina Wakeford (London), Miriam Laura Leonardi (Zürich), Lithic Alliance (Zürich/Brüssel) und Yul Tomatala (Genf) – wurde von Pro Helvetia erstmals durch eine offene Ausschreibung berufen, aus 140 eingereichten Projekten ausgewählt. Bewusst sprachregional und generationenübergreifend zusammengesetzt, will die Gruppe die formalen Mechanismen der TV-Talkshow von 1978 durch Montage und Installation neu inszenieren und auf einer Metaebene Fragen zu Medienstrukturen, Toleranz, Zugehörigkeit und sozialer Spaltung verhandeln. „Wann und wo passiert das? Hat das Archiv hier Autorität?" – das Kollektiv lädt das Publikum ein, sich zu positionieren oder die eigene Haltung zu hinterfragen. Eine künstlerische Forschung über die Gegenwart, die sich aus einem Fernseharchiv speist – und gerade dadurch einen Nerv der Zeit trifft.

Durch Montage und Neuinszenierung dieser Talkshow-Mechanismen entsteht eine Installation, die mediale Strukturen seziert: Wie entsteht Toleranz unter Druck? Wo beginnt Spaltung?

03

Russland

„The Tree is Rooted in the Sky" (Der Baum ist im Himmel verwurzelt)
Ausstellung„The Tree is Rooted in the Sky" (Der Baum ist im Himmel verwurzelt)
BeteiligteRund 40 Musiker:innen, Dichter:innen und Philosoph:innen aus Russland, Mali, Brasilien, Mexiko und Argentinien – u. a. Mitglieder des Folklore-Ensembles Toloka (künstlerische Leitung: Ekaterina Rostowzewa)
KommissarinAnastasia Karneewa (im April 2026 von Kyiv sanktioniert)
OrtRussischer Pavillon · Giardini · einziger Pavillon mit direktem Blick auf die Lagune · für die Öffentlichkeit geschlossen (9. Mai – 22. November)
Architektur1914 von Alexej Schtschussew entworfen – dem Architekten, der später auch das Lenin-Mausoleum gebaut hat – ist der russische Pavillon einer der ältesten und geschichtsträchtigsten der gesamten Giardini. Die Architektur des Pavillons ist von bewusster Durchlässigkeit geprägt – mit einer Terrasse zur Lagune, einer repräsentativen Freitreppe entlang einer der Hauptachsen der Giardini und Öffnungen nach allen Seiten. Was bleibt, ist ein Bau, der mehr als ein Jahrhundert Weltgeschichte in seinen Wänden trägt – und der einzige Pavillon der Giardini mit direktem Blick auf die Lagune.

Der einzige Pavillon der Giardini mit Blick auf die Lagune – und der einzige, in den niemand hineindarf. Russlands Rückkehr nach Venedig findet hinter verschlossenen Türen statt: Was im Inneren geschah, sehen Besucher:innen nur als Aufzeichnung, auf Bildschirmen hinter den Fenstern.

Nach zwei Ausgaben Abwesenheit – 2022 zogen sich Kurator und Künstler:innen aus Protest gegen den Krieg zurück, 2024 überließ Moskau seinen Pavillon Bolivien – ist Russland 2026 zurück. Das Format ist beispiellos: Vom 5. bis 8. Mai war der Pavillon ausschließlich für Presse und Fachbesucher:innen zugänglich, um ein dreitägiges Musik- und Performance-Festival zu dokumentieren. Mit der öffentlichen Eröffnung der Biennale am 9. Mai schloss er und bleibt geschlossen, bis die Schau am 22. November endet. Was bleibt, ist die gefilmte Erinnerung an drei Tage in einem Haus, das sich gleich danach selbst aussperrt.

„The Tree is Rooted in the Sky" versteht sich als polyphoner Dialog der Kulturen. Rund 40 junge Musiker:innen, Dichter:innen und Philosoph:innen – mehrheitlich aus Russland, hinzu kommen Stimmen aus Mali, Brasilien, Mexiko und Argentinien – verbinden Folk, Improvisation und elektronische Sets bis hin zu Techno. Der Innenraum ist als blumenladenartige Atmosphäre mit Düften und sinnlichen Elementen inszeniert. Der Titel verweist auf die französische Philosophin Simone Weil und ihre Vorstellung, dass Kreativität nicht aus dem Alltäglichen, sondern aus dem Übersinnlichen entspringt – der kosmische Baum als Achse zwischen Erde und Himmel.

Die Rückkehr ist hochumstritten. 22 europäische Kultur- und Außenministerien haben formell protestiert, Italiens Kulturminister Alessandro Giuli boykottiert die Eröffnung, 37 Europaabgeordnete fordern die Streichung der EU-Förderung für die Biennale in Höhe von zwei Millionen Euro. Kommissarin Karneewa wurde im April 2026 von Kyiv sanktioniert – ihr Vater Nikolai Wolobujew ist ehemaliger FSB-General und war stellvertretender Generaldirektor des russischen Rüstungskonzerns Rostec. Zum Ensemble gehören Mitglieder des Folklore-Kollektivs Toloka, das russische Soldaten im Ukrainekrieg öffentlich unterstützt. Am 6. Mai demonstrierten Pussy Riot und FEMEN vor dem Pavillon. Die fünfköpfige Biennale-Jury entschied zudem, dass Russland und Israel von der Vergabe der Goldenen Löwen ausgenommen sind: Beide Staatsführungen sind mit Anklagen des Internationalen Strafgerichtshofs konfrontiert.

04

Japan

„Grass Babies, Moon Babies"
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Ausstellung„Grass Babies, Moon Babies"
Künstler:inEi Arakawa-Nash
Kurator:inHorikawa Lisa und Takahashi Mizuki
OrtJapanischer Pavillon · Giardini
ArchitekturTakamasa Yoshizaka, Schüler von Le Corbusier, entwarf 1956 einen Pavillon, der auf Pilotis über dem Baumbestand der Giardini schwebt. Licht fällt von oben, innen und außen fließen ineinander. Strukturelle Klarheit, gefiltert durch japanische Raumvorstellungen – einer der stilistisch eigenwilligsten Bauten der gesamten Biennale-Anlage.

Aufbauend auf der Erfahrung als queerer Elternteil präsentiert Ei Arakawa-Nash eine Installation, die von Themen wie Identität und Elternschaft geprägt ist. Besucher sind eingeladen, eine Babypuppe im Pavillon zu adoptieren. Fürsorgliche Maßnahmen – das Wechseln einer Windel oder das Halten der Puppe – lösen ein digitales Erlebnis über einen QR-Code aus. Jede Puppe erzeugt eine poetische Botschaft, die mit ihrem zugewiesenen Geburtstag verbunden ist und persönliche Momente mit größeren historischen Erzählungen verbindet. Das Ergebnis ist ein partizipatives Werk, bei dem Fürsorge, Zusammenarbeit und Publikumseinbindung zu zentralen künstlerischen Gesten werden.

Ausgangspunkt der Installation ist Natto Wadas Film „Being Two Isn't Easy" von 1962, der die ersten beiden Lebensjahre eines Kindes aus dessen Perspektive und aus jener der Eltern erzählt – einer Mutter und eines Vaters, die zwischen Streit, Erschöpfung und der Last des Erwachsenseins um ihre neue Rolle ringen.

Der Titel stellt zwei Symbole in Dialog – Gras, verbunden mit Garten und Natur, und Mond, verbunden mit Zeit und Emotion – und reflektiert Beziehungen, Fürsorge und Zuneigung. Mit über hundert Puppenobjekten im Ausstellungsraum analysiert der Künstler Konzepte von Familie, Identität und Vielfalt.

05

Südkorea

„Liberation Space: Fortress/Nest" (Befreiungsraum: Festung/Nest)
Ausstellung„Liberation Space: Fortress/Nest"
KünstlerinnenGoen Choi (Seoul, *1985) und Hyeree Ro (New York, *1987)
KuratorinBinna Choi (Künstlerische Leiterin, 2023 ernannt)
Kommissioniert vonArts Council Korea (ARKO)
OrtKoreanischer Pavillon · Giardini · der jüngste der dreißig Länderpavillons
Architektur1995 von Kim Seok-chul und Franco Mancuso entworfen, ist der koreanische Pavillon der jüngste der gesamten Giardini – und der einzige, dessen Bau an eine ungewöhnliche Bedingung geknüpft war: Kein einziger Baum durfte gefällt, das natürliche Gelände nicht verändert werden. Was daraus entstand, ist eine Glasarchitektur von bemerkenswerter Leichtigkeit – transparent, durchlässig, in den Hügel eingebettet, mit Blick auf die Lagune. „Hochsensibel für seine Umgebung", sagt Kuratorin Binna Choi – ein Bild für Koreas komplexe geopolitische Lage.

Rote Kupferrohre durchstoßen Wände, Säulen und Treppen des koreanischen Pavillons wie Akupunkturnadeln einen Körper – und ragen erstmals in der Geschichte der Biennale über die Hecke in den benachbarten Japan-Pavillon hinüber. Diese sichtbare Geste – Festung wird durchlässig, ehemalige Kolonialmacht und einst kolonisierte Nation öffnen einen gemeinsamen Raum – ist der Kern dessen, was Kuratorin Binna Choi „Liberation Space" nennt.

Der Titel bezieht sich auf eine konkrete historische Phase: die drei Jahre zwischen Koreas Befreiung vom japanischen Kolonialismus 1945 und der Errichtung getrennter Regierungen auf der Halbinsel 1948 – eine kurze, offene Übergangszeit, oft als chaotisch und unvollendet erinnert. Choi liest sie um: nicht als gescheiterten Moment, sondern als andauernde Bewegung, die in der Gegenwart fortgeschrieben wird. Anlass ist das jüngste Kriegsrecht, das Präsident Yoon Suk Yeol im Dezember 2024 ausrief – binnen Stunden von Bürger:innen und Parlament gestoppt, gefolgt von vier Monaten Impeachment-Protesten und schließlich Yoons Absetzung.

Zwei skulpturale Arbeiten tragen den Pavillon. Goen Chois „Meridian" (in Kollaboration mit Thirdhand): durchgeschnittene, verbogene Industrie-Kupferrohre, die wie freigelegte Adern durch die Architektur laufen – ein Bild für die unsichtbare Infrastruktur, durch die Kreislauf und Atem in einen blockierten Körper zurückkehren. Hyeree Ros „Bearing" bildet das Gegenüber: rund 4.000 Stücke wachsbeschichtete Organza, gespannt zu einer hauchdünnen, hautähnlichen Membran, die acht thematische Stationen umfasst – Aussicht, Trauer, Leben, Planen, Warten, Heilen, Erinnern, Teilen. Festung und Nest – Härte und Fürsorge – beziehen sich aufeinander, statt sich auszuschließen.

Eine der Stationen ist Nobelpreisträgerin Han Kang gewidmet: Ihre Installation „The Funeral" (2018) erinnert an die Opfer des Jeju-Aufstands 4.3 (1947–1954) – bewusst tief am Boden platziert, damit Betrachter:innen sich vor ihr verbeugen müssen. „Befreiung ist keine fertige Bedingung", so Binna Choi, „sondern etwas, das wir immer wieder neu aushandeln." Statt eines klassischen Nationalpavillons entsteht so ein begehbares Denkmal: zerbrechlich, durchlässig, getragen von Solidarität und gemeinsamer Vorstellungskraft.

06

Deutschland

„Ruin"
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Ausstellung„Ruin"
KünstlerinnenHenrike Naumann (1984 Zwickau – 14. Februar 2026 Berlin · postum mit 41 Jahren) und Sung Tieu (*1987 Hải Dương, Vietnam · lebt in Berlin)
KuratorinKathleen Reinhardt (Direktorin Georg Kolbe Museum Berlin)
Kommissioniert vonifa – Institut für Auslandsbeziehungen · im Auftrag des Auswärtigen Amts
Architektur1909 als Bayerischer Pavillon errichtet · 1938 von Ernst Haiger für die NSDAP zur monumentalen neoklassischen Repräsentationsarchitektur umgebaut · 1993 zerstörte Hans Haacke mit „Germania" den NS-Marmorboden · 2022 grub Maria Eichhorn die Fundamente aus

Sung Tieu hat die NS-Fassade des deutschen Pavillons mit über drei Millionen Marmor-Mosaiksteinchen überzogen – im Maßstab 1:1 ein DDR-Plattenbau aus der Berliner Gehrenseestraße, einst Wohnheim für vietnamesische Vertragsarbeiter:innen, heute vor dem Abriss. Das Werk trägt den Titel „Human Dignity Shall Be Inviolable" – Artikel 1 des Grundgesetzes, gelegt auf Ernst Haigers monumentale Architektur von 1938. Zwei deutsche Repräsentationsbauten, die sich gegenseitig ausschließen, halten einander in derselben Wand.

Henrike Naumann hat die Eröffnung nicht erlebt. Am 14. Februar 2026 starb sie mit 41 an einer zu spät erkannten Krebserkrankung, wenige Monate nach ihrer Nominierung. Bis zuletzt arbeitete sie an „Die Innere Front", die nun ihr Studio und das Pavillon-Team posthum realisiert haben: grüne Wände wie in verlassenen sowjetischen Kasernen, an einer Seite eine neu interpretierte sozialistisch-realistische Wandmalerei ihres Großvaters aus Karl-Marx-Stadt, gegenüber ein dreidimensionales Wohnzimmer im Idiom des Neuen Deutschen Designs – in Grau und Schwarz, das Bett spartanisch wie eine Zelle.

„Ruin" – auf Englisch das architektonische Überbleibsel, auf Deutsch der Zustand: finanzieller, sozialer, moralischer Zusammenbruch. Naumann, aufgewachsen in Zwickau, wo später der NSU mordete, fragte zeitlebens, wie Ideologien in Möbeln, Tapeten und Kinderzimmern weiterleben, lange nachdem die Regime gestürzt sind. „So heimelig man sich im deutschen Pavillon auch zu machen versucht", sagt Kuratorin Kathleen Reinhardt, „er bleibt ein feindlicher Ort."

07

Kanada

„Entre chien et loup" (Zwischen Hund und Wolf)
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Ausstellung„Entre chien et loup"
KünstlerAbbas Akhavan (*1977 Teheran · lebt in Montreal und Berlin)
KuratorinKim Nguyen (Director of Programs, Ruth Foundation for the Arts)
KommissarJean-François Bélisle · National Gallery of Canada
PartnerRoyal Botanic Gardens, Kew · Orto Botanico di Padova (ältester botanischer Garten der Welt)
OrtKanadischer Pavillon · Giardini · zwischen Großbritannien und Deutschland
Architektur1956 von Enrico Peressutti (BBPR, Mailand) entworfen, spiralisiert sich der kanadische Pavillon im Grundriss wie eine Nautilusschale aus einer zentralen oktagonalen Säule heraus. Ziegel, Glas, Holz und Stahl – alles unverkleidet. Zwei lebende Bäume wachsen direkt durch das Gebäude hindurch.

Auf einer Hälfte des kanadischen Pavillons liegt ein Teich – rund 23.000 Liter Wasser, etwa 25 Tonnen schwer, beheizt, befeuchtet, unter Wachstumslampen. Darin treiben drei Riesenseerosen der Gattung Victoria, deren Blätter im Sommer bis zu anderthalb Meter Durchmesser erreichen sollen. Pro Nacht öffnet sich eine reinweiße Blüte und lockt einen Käfer an. Die Pflanzen sind 100 Millionen Jahre alt; ihr Name ist gerade einmal hundertfünfzig.

Genau diese Lücke macht Abbas Akhavan zum Thema. Die in Südamerika beheimatete Victoria-Seerose gelangte im 19. Jahrhundert über die botanischen Netzwerke des britischen Empire nach Europa und wurde Königin Victoria gewidmet – ein Triumph der viktorianischen Naturkunde, prominent inszeniert im Crystal Palace zur Weltausstellung 1851. Im selben Jahrhundert wurde Kanada gegründet, 1867, als Dominion derselben Krone. Die Samen der Pflanzen, die jetzt in Venedig schwimmen, stammen aus den Royal Botanic Gardens Kew in London (dessen Waterlily House gerade renoviert wird), keimten im Orto Botanico di Padova und reisten von dort in den Pavillon. Akhavan verwandelt das Gebäude in einen monumentalen Wardian Case – jenen im 19. Jahrhundert entwickelten Glasbehälter, mit dem Pflanzen quer durch das Empire verschifft wurden.

„Entre chien et loup", die französische Dämmerungsstunde, zieht sich durch die ganze Inszenierung. Was wie auf dem Boden vergessene Birkenstöcke aussieht, ist Bronze. Was nach zufälligen Felsen vor dem Eingang aussieht, ist italienisches Vulkangestein, eigens platziert. Ein alter Pelzmantel über einem Stein dient als Brunnen, Wasser tropft aus einem Ärmel. Akhavan, in Teheran geboren, lebt zwischen Montreal und Berlin; er fragt nach den geopolitischen Kräften, die Räume und Pflanzen, Nationen und Namen prägen – und schlägt vor, in dieser Stunde des Zwielichts genauer hinzusehen.

08

Grossbritannien

„Predicting History: Testing Translation" (Geschichte vorhersagen: Übersetzung erproben)
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Ausstellung„Predicting History: Testing Translation"
KünstlerinLubaina Himid CBE RA (*1954 Sansibar · lebt und arbeitet in Preston, UK)
Sound-KollaborationMagda Stawarska
KuratorinEse Onojeruo (Shane Akeroyd Associate Curator)
Kommissioniert vonBritish Council · Kommissarin: Emma Dexter
Unterstützt vonFrieze
OrtBritischer Pavillon · Giardini · auf der Anhöhe oberhalb des Zentralpavillons
Architektur1909 von Edwin Alfred Rickards entworfen · imposante Freitreppe, klassische Säulen, die Würde eines Tempels · kein Ausstellungsgebäude, sondern ein Machtzeichen · innen eine Abfolge kleinerer Räume mit hohen Decken

Lubaina Himid, Pionierin der Black British Art Movement, bringt seit Jahrzehnten Schwarze Geschichte und Kultur in den zeitgenössischen Kunstraum und verwebt Themen wie Rasse, Feminismus und koloniales Gedächtnis. Als Emeritus Professor of Contemporary Art an der University of Central Lancashire und 2017 als erste Schwarze Frau mit dem Turner Prize ausgezeichnet, arbeitet sie an der Schnittstelle von historischer Forschung und literarischer Erzählung – eine Sprache, die lang marginalisierte Identitäten sichtbar macht.

Im ersten Raum entwerfen zwei Architekten zwei mögliche Häuser: das eine auf Rädern, fluchtbereit, das andere ein fester Schutzraum für die, die bleiben. So öffnet Himid den Britischen Pavillon. Fünf großformatige, mehrteilige Gemälde – Architekten, Schneider, Köche – hängen einzeln an ansonsten leeren Wänden. Daneben: 21 ungleiche Ruder in einer Reihe und eine Wand mit 26 Fragen für heute. Über allem ein Klangteppich von Magda Stawarska, der wie ein langer Sommernachmittag durch das Gebäude zieht.

„Predicting History: Testing Translation" – Geschichte vorherzusagen ist unmöglich, Übersetzung bleibt Annäherung. Himid, 1954 in Sansibar geboren und als Baby nach England gekommen, nutzt den neoklassizistischen Britischen Pavillon als Stellvertreter für Großbritannien selbst: einladend, hell, voller Möglichkeiten – und in den Klängen und Texten unterschwellig unwohl. „Obwohl ich seit 71 Jahren hier lebe", sagt sie, „weiß ich immer: Ich bin am richtigen Ort und gleichzeitig am falschen."

09

Frankreich

„Comme Saturne" (Wie Saturn)
Ausstellung„Comme Saturne"
KünstlerinYto Barrada (*1971 Paris · marokkanisch-französisch · lebt in Tanger und New York · Prix-Marcel-Duchamp-Nominierung 2016)
KuratorinMyriam Ben Salah (Direktorin Renaissance Society of Chicago)
KommissarInstitut français (Präsidentin: Eva Nguyen Binh) · im Auftrag des französischen Außen- und Kulturministeriums
KatalogJRP | Editions (Sommer 2026)
OrtFranzösischer Pavillon · Giardini · einer der ältesten Bauten der Anlage
Architektur1912 vom Ingenieur Faust Finzi entworfen und mit einer Auguste-Rodin-Ausstellung eröffnet · klassische Repräsentationsarchitektur der Belle Époque · 2026 nach einjähriger Renovierung wiedereröffnet

„Comme Saturne" – wie Saturn frisst die Revolution ihre Kinder. Mit dieser Formel, die der Girondist Pierre Victurnien Vergniaud 1793 kurz vor seiner Hinrichtung prägte, eröffnet Yto Barrada den neu renovierten Französischen Pavillon. Sie übersetzt sie in Textil: drapierte Wolle, mechanische Vorrichtungen, Stoffe, die das Tageslicht über sechs Monate hinweg bleicht und verändert – Material und Zeit als Gegenüber.

Saturn ist hier doppelt anwesend: einmal als Schutzpatron der unter ihm geborenen Künstler – Melancholie, Rückzug, langsames Denken – und einmal als revolutionäre Vaterfigur, die ihre Söhne verschlingt. Barrada übersetzt diesen Doppelblick zwischen Schöpfung und Zerstörung mit der Technik dévoré, einem chemischen Verfahren, das die Oberfläche eines Gewebes auflöst, sodass Form aus Abwesenheit entsteht. Ein „Rad der Regeln und Beschränkungen" verneigt sich vor der Pariser Schriftstellervereinigung OuLiPo – Wiederholung, Permutation, Spiel als generatives Prinzip. Die Salle des plis (Saal der Falten) macht die Wolle selbst zur Architektur.

Yto Barrada, 1971 in Paris als Tochter marokkanischer Eltern geboren, lebt zwischen Tanger und New York. In Tanger betreibt sie The Mothership, ein pan-afrikanisches, ökofeministisches Forschungszentrum mit Färbegarten und Residenzen – Venedig wird zu dessen nächstem Knotenpunkt. Eingespeist in die saturnische Umlaufbahn: ein archäologischer Fund aus dem Château de Gambais, dem Drehort von Jacques Demys Märchenfilm „Peau d'âne" (1970). Die Ausstellung, sagt Barrada, sei „weniger Flucht als Werkzeug poetischen Überlebens".

10

Australien

„conference of one's self" (Konferenz mit sich selbst)
Ausstellung„conference of one's self"
KünstlerKhaled Sabsabi (*1965 Tripoli, Libanon · 1976 aus dem Bürgerkrieg nach Western Sydney geflohen)
KuratorMichael Dagostino (Direktor Chau Chak Wing Museum, Sydney)
KommissarCreative Australia
GalerieMilani Gallery, Brisbane
Pendant in der Hauptausstellung„khalil" · Arsenale · „In Minor Keys"
OrtAustralischer Pavillon · Giardini
ArchitekturEntworfen von Denton Corker Marshall, 2015 fertiggestellt – der erste Pavillon des 21. Jahrhunderts in den Giardini. Eine weiße Box in einer schwarzen Box: die Außenhülle aus schwarzem Granit öffnet sich über große bewegliche Paneele – geschlossen ein monolithisches Objekt, offen ein durchlässiger Ausstellungsraum.

Bilder fließen über Bilder. In Khaled Sabsabis australischem Pavillon werfen Projektoren aus der Decke in einer 54-minütigen Schleife bewegte Sequenzen auf acht großformatige Gemälde – drei mal zwei Meter, im Achteck arrangiert. Darüber ein Klangteppich aus Alltagsgeräuschen, aufgenommen auf analogem Tonband. Wer in die Mitte tritt, steht im Zentrum eines langsamen Gesprächs mit sich selbst.

Der Titel verweist auf die zwölfjahrhundertealte Sufi-Allegorie „Die Konferenz der Vögel" des persischen Dichters Farid al-Din ʿAṭṭār: eine Pilgerreise durch sieben Täler – Suche, Liebe, Erkenntnis, Loslösung, Einheit, Verwunderung, Vernichtung des Selbst – an deren Ende die Einsicht steht, dass das Göttliche im Suchenden selbst wohnt. Sabsabi fügt ein achtes Tal hinzu: Ganzheit. Im Arsenale, in der Hauptausstellung „In Minor Keys", öffnet sich das Pendant „khalil" (arabisch für „Freund") – eine schwebende, lampenartige Installation aus 40 Metern bemalter Leinwand. Während der Pavillon die äußere Dimension des Selbst zeigt, geht „khalil" nach innen. Beides ist im tasawwuf verwurzelt, der mystischen Tradition des Sufismus. Sabsabi ist der erste Australier, der gleichzeitig den nationalen Pavillon und die Hauptausstellung bespielt.

Sabsabi, 1965 in Tripoli geboren und 1976 als Kind aus dem libanesischen Bürgerkrieg nach Western Sydney geflohen, arbeitet seit über 35 Jahren aus der Hip-Hop- und Jugendkultur heraus mit arabischen, indigenen und pazifischen Communities, in Schulen, Gefängnissen, Flüchtlings- und Jugendzentren. Im Februar 2025 wurde sein Pavillon-Auftrag von Creative Australia – Tage nach der Ernennung – wieder zurückgezogen, nachdem ein konservativer Senator im Parlament Fragen zu frühen Werken aufgeworfen hatte. Es folgten Rücktritte, Proteste, Boykotte, eine offizielle Untersuchung. Sechs Monate später wurden Sabsabi und Dagostino reinstalliert. Sein Werk in Venedig – langsam, kontemplativ, einladend – ist die Antwort darauf.

11

Uruguay

„ANTIFRAGILE"
Ausstellung„ANTIFRAGILE"
Künstler:inMargaret Whyte (geb. 1940 in Montevideo · über fünf Jahrzehnte Praxis in Malerei, Assemblage und Performance)
Kurator:inPatricia Bentancur
KommissarMartín Craciun · Instituto Nacional de Artes Visuales, Uruguay
OrtUruguayischer Pavillon · Giardini · kleinster Pavillon der Giardini
Architektur1960 erwarb Uruguay das Gebäude seines nationalen Pavillons, das bis 1958 als Lagerhaus der Biennale gedient hatte. Was daraus wurde, ist der charmanteste Underdog der gesamten Giardini. Der uruguayische Pavillon – der kleinste in den Giardini – kauert zwischen den Bäumen, versteckt im Wald. Man findet ihn nur, wenn man ihn sucht. Er hat nur eine einzige Öffnung, durch die man in sein schattenreiches Inneres eintritt. Keine imposante Architektur, keine Geste der Repräsentation. Gerade das macht ihn unvergesslich.

Mit „ANTIFRAGILE" greift Margaret Whyte – 1940 in Montevideo geboren, seit über fünf Jahrzehnten in Malerei, Assemblage und Performance tätig – ein Konzept des Statistikers Nassim Nicholas Taleb auf: „Antifragilität" beschreibt Systeme, die durch Unordnung und Druck nicht nur überleben, sondern wachsen. In Whytes Werk wird dieser Gedanke zu einer Haltung – Fragilität, Spannung und Fehler werden nicht beseitigt, sondern als kreative, widerständige Kräfte produktiv gemacht.

Die Installation kombiniert Textilien mit veralteten technischen Objekten – ausgemusterten Maschinen, Motorradhelmen, Trümmern. „Die Materialien, mit denen ich arbeite, tragen Geschichten von Gebrauch, Zuneigung und Erschöpfung. Wenn sie auf industrielle und technologische Überreste treffen, zeigen sie keine Zerbrechlichkeit – sie offenbaren eine andere Form des Widerstands", sagt Whyte. Aus weichen Volumen, hybriden Materialien und überlagerten Bezugsschichten entsteht eine Umgebung, in der die Hierarchien zwischen Natur und Technik, Arbeit und Fürsorge, Handwerk und zeitgenössischer Kunst ins Wanken geraten – getragen von einer feministischen Perspektive, in der Textilpraktiken zu Trägern von Erinnerung, Widerstand und sozialer Kritik werden.

Für Kuratorin Patricia Bentancur sind die einzelnen Positionen „politische Technologien des Protests und der Zugehörigkeit": Das Verweben von Fragmenten wird zum Denkmodell, das plurale Erzählungen entwirft, jenseits einzelner Genealogien. Der uruguayische Pavillon – mit seiner einzigen, fast geheimen Öffnung im schattenreichen Wald der Giardini – wird so zum kleinen, antifragilen Echoraum: ein Raum, in dem alternative Geografien und kritische Perspektiven nicht nur künstlerische Repertoires, sondern auch Ausstellungs- und Wissensformen verschieben.

12

Nordische Länder (Finnland, Norwegen & Schweden)

„How Many Angels Can Dance on the Head of a Pin?" (Wie viele Engel können auf einer Nadelspitze tanzen?)
Ausstellung„How Many Angels Can Dance on the Head of a Pin?"
Künstler:innenKlara Kristalova (*1967 Prag · lebt in Norrtälje, Schweden) · Benjamin Orlow (*1984 Turku · lebt in London) · Tori Wrånes (*1978 Kristiansand · lebt in Oslo und Kristiansand)
Werke„Lust for Life" (Kristalova, 12 m langer Frauenbaum) · „Human Lace" (Wrånes, mit Nebelhorn) · monumentale Verwandlungsskulpturen (Orlow)
KuratorinAnna Mustonen (Chefkuratorin Kiasma, Helsinki)
Kommissar:innenKiira Miesmaa (Kiasma · Finnish National Gallery) · Gitte Ørskou (Moderna Museet, Stockholm) · Ruben Steinum (OCA Norwegen)
OrtNordischer Pavillon · Giardini · gemeinsam von Finnland, Norwegen und Schweden bespielt
ArchitekturSverre Fehns nordischer Pavillon, 1962 eingeweiht, gilt als Meisterwerk der Nachkriegsarchitektur. Der norwegische Architekt wagte das Unwahrscheinliche: Drei Platanen wachsen direkt durch das Dach in den Himmel – die einzigen vertikalen Elemente in dem 446 Quadratmeter großen, stützenlosen Raum. Das Beton-Lamellendach filtert das Licht so, dass es das diffuse, horizontale Licht des Nordens nachahmt – mitten in Venedig. Statt Holz, der nordischen Bautradition, wählte Fehn Beton – mit eingeprägter Holzmaserung. Zwei Seiten öffnen sich vollständig über Glasschiebetüren. Innen und außen fließen ineinander. Natur und Kultur auch.

Ein zwölf Meter langer Frauenbaum liegt im Pavillon der Nordischen Länder, die Äste in den Himmel gestreckt, die Rinde aus farbigen alten Flickenteppichen genäht. Über und unter ihm: elf Skulpturen aus Bronze, Keramik und Holz – „wie verschiedene Stimmen in einem Chor", sagt Klara Kristalova über ihre Arbeit „Lust for Life", den Titel hat sie sich bei Iggy Pop geliehen. Auf der anderen Seite des Raumes lässt Tori Wrånes ein Nebelhorn jede Stunde ertönen – Signal aus Seenavigation und Warnung zugleich. Dazwischen Benjamin Orlows monumentale Skulpturen über Zyklen der Verwandlung. Sverre Fehns lichtdurchfluteter Bau von 1962 wird zur mythischen Bühne.

„How Many Angels Can Dance on the Head of a Pin?" – die mittelalterlich-scholastische Frage steht für das Spekulative, das Schwebende, das nicht Beweisbare, und zugleich für die Frage, wie viele Wesen denselben Raum bewohnen können. Kuratorin Anna Mustonen führt die drei Künstler:innen zu einer gemeinsamen mythischen Landschaft, in der Pflanze, Tier und Mensch ineinander übergehen. Die Bezüge reichen vom Kalevala – dem finnisch-karelischen Schöpfungsepos des 19. Jahrhunderts – bis zu globalen Erzählungen über Koexistenz und ökologische Verwundbarkeit. Kristalovas liegender Baum, sagt sie, sei „gefallen. Ich dachte auch an den ökologischen Kollaps, der rasch näher kommt."

Drei Stimmen aus Tschechien (mit Wohnsitz in Schweden), Finnland (mit Wohnsitz in London) und Norwegen bespielen Fehns zeitlosen Bau gemeinsam, kommissioniert von Kiasma, Moderna Museet und OCA. Direkt gegenüber, in den Giardini, steht der russische Pavillon – ein Nachbar, der sich an dieser Biennale schwer ignorieren lässt: Am Eröffnungstag fand vor dessen Tür eine große Demonstration statt. Eine Symmetrie, die Kristalova als „uns sehr betreffend" beschrieb.

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Dänemark

„Things to Come"
Ausstellung„Things to Come"
Künstler:inMaja Malou Lyse (geb. 1993 in Kopenhagen · jüngste Künstlerin, die je den dänischen Pavillon bespielt hat)
Kurator:inChus Martínez
OrtDänischer Pavillon · Giardini
ArchitekturCarl Brummer entwarf den dänischen Pavillon zwischen 1930 und 1932 – ein klassisch inspirierter Bau, der sich bescheiden zwischen den Bäumen der Giardini einfügt. 1958 erweiterte Peter Koch den Bau – seither besteht der dänische Pavillon aus zwei miteinander verbundenen Gebäuden, die trotz ihrer unterschiedlichen Entstehungszeiten eine erstaunliche Einheit bilden.

Mit „Things to Come" entwickelt Maja Malou Lyse – 1993 in Kopenhagen geboren und damit die jüngste Künstlerin, die je den dänischen Pavillon bespielt hat – eine immersive Filmumgebung, in der Wissenschaft, spekulative Fiktion und Pornografie als affektive und materielle Technologien zusammenkommen, die Realität nicht nur abbilden, sondern erzeugen. Kuratiert von Chus Martínez, fragt das Projekt: Wie prägt digitale Bildkultur nicht nur unsere Vorstellungskraft, sondern auch unsere biologische Wirklichkeit?

Im Zentrum steht ein spekulatives Video-Märchen, das im Jahr 2045 spielt: Die Erotikdarstellerin Nicolette Shea verkörpert eine Wissenschaftlerin in einer futuristischen Samenbank. Anknüpfend an aktuelle Studien, die einen Zusammenhang zwischen virtuellen erotischen Reizen und männlicher Fruchtbarkeit nahelegen, treibt Lyse die Frage radikal weiter und liest den globalen Geburtenrückgang als Metapher für einen breiteren kulturellen Zusammenbruch.

Lyse gilt als eine der prägenden Stimmen der vierten feministischen Welle in Dänemark. Ihre Praxis umspannt Installation, Performance, Video und Text und kreist um Objektivierung, Identität und gesellschaftliche Normen. Bereits als Studentin moderierte sie die Sendung „Sex Med Maja" im dänischen Nationalfernsehen, später folgten Ausstellungen u. a. an der Tate Modern, im Moderna Museet und im ARoS. „Things to Come" dürfte einer der meistdiskutierten Pavillons der Saison werden – nicht trotz, sondern wegen seines Sujets.

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Katar

„untitled 2026 (a gathering of remarkable people)"
ARTBEAT TOP EMPFEHLUNG
Ausstellung„untitled 2026 (a gathering of remarkable people)"
Künstler:innenRirkrit Tiravanija (Thailand) · Sophia Al-Maria (Katar/USA) · Tarek Atoui (Libanon) · Alia Farid (Kuwait/Puerto Rico) · Fadi Kattan (Palästina · Koch & Autor)
Kurator:innenTom Eccles (CCS Bard / Hessel Museum of Art) & Ruba Katrib (MoMA PS1, New York)
KommissarinH.E. Sheikha Al Mayassa bint Hamad bin Khalifa Al Thani · Vorsitzende Qatar Museums · präsentiert von Rubaiya Qatar
OrtKatarischer Pavillon · Giardini · 2026 als temporäre Zeltstruktur auf dem Standort des künftigen permanenten Pavillons
ArchitekturEs ist der erste neue Pavillon seit dem koreanischen 1995 – und nur der dritte in den vergangenen fünfzig Jahren. Lina Ghotmeh, Gründerin eines Pariser Architekturbüros, die den Pavillon entworfen hat, beschreibt den Bau als Ort der Begegnung, geprägt von Offenheit und Gastfreundschaft – ein Zuhause für den Austausch, wo Kunst, Architektur und kollektives Gedächtnis durch die Linse katarischer Kulturidentität erfahrbar werden. Kein historisches Erbe, keine Last der Vergangenheit.

Mit „untitled 2026 (a gathering of remarkable people)" zeigt Katar 2026 erstmals einen eigenen Nationalpavillon in den Giardini. Da der permanente Pavillon von Lina Ghotmeh sich noch im Bau befindet, errichtet der thailändische Künstler Rirkrit Tiravanija auf dem zukünftigen Standort eine temporäre, zeltartige Struktur, inspiriert von traditionellen katarischen Versammlungsorten. Statt eines geschlossenen Ausstellungsraums entsteht ein offener Begegnungsort: ein Zelt für Gespräche, gemeinsames Essen, Musik und Performance.

Tiravanija lädt vier Mitwirkende aus der arabischen Welt zur Aktivierung des Raums ein. Die katarisch-amerikanische Künstlerin Sophia Al-Maria zeigt einen experimentellen Erzählfilm, in dem die Protagonistin sich auf eine traumartige Reise durch die transformative Kraft von Musik und Klang begibt. Der libanesische Künstler Tarek Atoui kuratiert improvisatorische Live-Auftritte, inspiriert vom Takht (klassisches arabisches Orchester) und der Wasla (musikalische Suite), mit Musiker:innen aus Österreich, Frankreich, dem Libanon, Iran, Ägypten, Singapur u. a. Die kuwaitisch-puertoricanische Künstlerin Alia Farid bringt mit „Jerrican" (2022–2026) eine raumgreifende Skulptur mit – Teil ihrer Serie überdimensionaler, hohl gegossener Wasserkanister aus lackiertem Fiberglas, die in der Golfregion das urbane Erscheinungsbild öffentlicher Trinkbrunnen prägen.

Den vierten Pol bildet ein kulinarisches Programm des palästinensischen Kochs und Autors Fadi Kattan: Köch:innen aus der MENA-Region interpretieren das traditionelle Gericht harees/jareesh in immer neuen Variationen – jede Mahlzeit folgt einer einzelnen Zutat, deren Migration kulturelle Verbindungen quer durch den arabischen Raum sichtbar macht. Kuratiert von Tom Eccles und Ruba Katrib, präsentiert von Rubaiya Qatar (Katars Kunst-Quadriennale), wird der Pavillon damit zum Modell, in dem Kunst nicht als Objektfolge, sondern als geteilte Erfahrung erscheint – Tiravanijas jahrzehntelanges Konzept der „Relational Aesthetics", übersetzt in einen kollektiven Raum für Gastfreundschaft.

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Spanien

„Los restos — I resti"
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Ausstellung„Los restos — I resti"
Künstler:inOriol Vilanova (katalanischer Künstler, Flaneur der Brüsseler Flohmärkte)
Kurator:inCarles Guerra
OrtSpanischer Pavillon · Giardini
Architektur1922 von Javier De Luque entworfen und 1952 von Joaquín Vaquero Palacios renoviert — der spanische Pavillon ist einer der historisch gewachsensten der gesamten Giardini. Kein spektakulärer Bau, aber einer mit Rückgrat: klassisch proportioniert, hell, mit einer Raumfolge aus sechs Zimmern, die Kunst nicht dominiert, sondern trägt. Seine Architektur wird hier selbst zum Argument — ein Haus voll Geschichte, dessen Wände jetzt buchstäblich mit Erinnerung tapeziert sind.

Wer den spanischen Pavillon betritt, erwartet Kunst. Er findet Postkarten. Tausende davon — und sie erzeugen gemeinsam etwas, das man so schnell nicht vergisst.

Oriol Vilanova, katalanischer Künstler und bekennender Flaneur der Brüsseler Flohmärkte, hat sein Leben dem Sammeln gewidmet. Postkarten vom Ende des 19. Jahrhunderts bis heute bedecken sämtliche Wände der sechs Räume — Landschaften, Monumente, Figuren, die niemand mehr kennt.

»Postkarten sind Kopien von Kopien, Massenware ohne Anspruch — und genau deshalb der ehrlichste Spiegel unserer Bilderwelt.«

In einer Zeit, in der wir täglich von digitalen Bildern überflutet werden, macht Vilanova das Analoge sichtbar: als Archiv, als Obsession, als stille Kapitalismuskritik. Der Titel ist Programm: Was übrigbleibt, wenn die großen Erzählungen verblassen, sind diese kleinen, vergessenen Bilder.

Kuratiert von Carles Guerra, passt der Pavillon perfekt zum Biennale-Thema „In Minor Keys“ — einer Hommage an das Randständige, das Übersehene, das Leise. Keine Lautstärke, kein Spektakel. Nur die stille Wucht von Millionen kleiner Wirklichkeiten.

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Israel

„Rose of Nothingness"
Ausstellung„Rose of Nothingness"
Künstler:inBelu-Simion Fainaru (geb. 1959 in Bukarest, lebt in Haifa · Israel-Preisträger 2025)
Kurator:inSorin Heller & Avital Bar-Shay
OrtGiardini-Pavillon 2026 in Renovierung · Präsentation im Arsenale, Sale d'Armi, Waffenhalle G
ArchitekturDer israelische Pavillon in den Giardini della Biennale, ein markantes Beispiel modernistischer Klarheit, wurde 1952 vom Architekten Zeev Rechter entworfen. Rechter, ein Pionier des Brutalismus in Israel, schuf einen funktionalen Kubus mit weißer Betonfassade, horizontalen Fenstern und einem flachen Dach – ein dezenter Kontrast zu den barocken Nachbarn, der Souveränität und Nachkriegsoptimismus atmet.

Wichtiger Hinweis: Der historische Giardini-Pavillon Israels wird 2026 renoviert. Die Ausstellung findet stattdessen im Arsenale statt, in der Waffenhalle G der Sale d'Armi – ungewöhnlich für Israel, das seit Jahrzehnten im eigenen Giardini-Bau ausstellt.

Israel wird vertreten von Belu-Simion Fainaru, geboren 1959 in Bukarest, seit den frühen 1970er Jahren in Haifa lebend. 2025 mit dem Israel Prize ausgezeichnet, gehört er zu den prägenden Bildhauern des Landes; 2019 vertrat er bereits Rumänien in Venedig. Sein Werk kreist um jüdisch-rumänische Geschichte, Fragen von Identität, Exil und Erinnerung – mit Bezügen zu Philosophie und jüdischer Mystik.

Mit „Rose of Nothingness" zeigt Fainaru eine raumgreifende Wasserinstallation, ursprünglich 2015 konzipiert: 16 von der Decke hängende Rohre lassen tropfenweise schwarzes Wasser in ein flaches Becken fallen. Die Bilder verweisen auf Paul Celans „Schwarze Milch der Frühe" und auf kabbalistische Vorstellungen von Schöpfung und Leere – die Zahl 16 steht in Fainarus Symbolik für Transformation. Die Kuratoren beschreiben die Arbeit als „räumliche Verkörperung einer lebenden Talmudseite – ein Text ohne Buchstaben, in dem Wissen durch Verweilen, Blick und Aufmerksamkeit kristallisiert".

Israels Teilnahme 2026 steht unter besonderen politischen Vorzeichen: Die fünfköpfige Biennale-Jury hat im April 2026 entschieden, dass Länder, deren Staatsführung mit Anklagen des Internationalen Strafgerichtshofs konfrontiert ist, von der Vergabe der Goldenen Löwen ausgenommen sind – das betrifft Israel und Russland. Das Künstler-Kollektiv ANGA (Art Not Genocide Alliance) ruft zudem zum Boykott des Pavillons auf. Fainaru selbst lehnt jeden Boykott ab und versteht seine Arbeit als „Raum für Hoffnung und Offenheit, in dem die Menschheit sich selbst begegnen kann – auch in ihrer Komplexität und ihren Widersprüchen".

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Vereinigte Staaten

„Call Me the Breeze"
Ausstellung„Call Me the Breeze"
Künstler:inAlma Allen (geb. 1970 in Heber City, Utah · lebt in Tepoztlán, Mexiko)
Kurator:inJeffrey Uslip · ehemals Contemporary Art Museum St. Louis
KommissarinJenni Parido · American Arts Conservancy (AAC) · in Zusammenarbeit mit dem U.S. Department of State
OrtAmerikanischer Pavillon · Giardini · seit 1986 im Besitz der Solomon R. Guggenheim Foundation
Architektur1930 entwarfen William Adams Delano und Chester Holmes Aldrich einen palladianischen Bau aus istrischem Marmor und rosa Ziegelstein – europäischer als so mancher europäische Pavillon, und das mit Absicht. Der US-Pavillon wollte von Anfang an mithalten, repräsentieren, beeindrucken. Was ihn von allen anderen unterscheidet: Er ist der einzige Pavillon in den Giardini, der nie einer Regierung gehörte – erbaut von einer privaten Galerie, heute im Besitz der Guggenheim Foundation.

Mit „Call Me the Breeze" zeigt Alma Allen rund 30 Skulpturen, darunter mehrere neue, ortsbezogene Arbeiten – eine davon im Vorhof des Pavillons. Der in Utah geborene und seit Jahren in Tepoztlán (Mexiko) lebende Bildhauer arbeitet seit über drei Jahrzehnten mit Bronze, Marmor, Obsidian, Parota-Holz und anderen Materialien aus den Landschaften der Amerikas. Seine abstrakt-biomorphen Formen wirken zugleich uralt und zukünftig: Stein scheint mit der Zeit geglättet, massive Bronze flüssig zu werden. Allen verbindet jahrhundertealte Schnitz- und Handformungstechniken mit moderner Robotik – ein Brückenschlag zwischen Naturmaterial und technologischer Präzision.

Der Titel „Call Me the Breeze" verweist auf das Konzept der „Elevation": Erhebung als physische Form, als emotionaler Zustand und als geteilte Zukunftshoffnung. Kuratiert von Jeffrey Uslip, kommissioniert von Jenni Parido für die American Arts Conservancy, fällt die US-Teilnahme 2026 zusammen mit „America250", den Feierlichkeiten zum 250. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung.

Der Auswahlprozess war 2026 ungewöhnlich: Die National Endowment for the Arts war diesmal nicht beteiligt, der 43-tägige Government Shutdown verzögerte die Bekanntgabe; neue Vorgaben der Trump-Administration verlangen, dass der Pavillon „amerikanische Werte fördert" und „US-Außenpolitikziele unterstützt", während Diversitäts- und Nachhaltigkeitskriterien gestrichen wurden. Allen, der nicht selbst beworben, sondern von Uslip angesprochen wurde, betonte gegenüber der Presse, er repräsentiere Amerika, nicht eine Administration – Kunst dürfe „ohne Bekenntnis zu einer bestimmten Ideologie" entstehen und gezeigt werden.

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Belgien

„IT NEVER SSST"
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Ausstellung„IT NEVER SSST"
KünstlerinMiet Warlop (*1978 Torhout · Royal Academy of Fine Arts Gent · lebt zwischen Gent, Berlin und Brüssel)
KuratorinCaroline Dumalin (MORPHO Antwerpen)
KommissarinCaroline Gennez · Flämische Gemeinschaft Belgiens
PartnerMORPHO (Antwerpen) · Kanal–Centre Pompidou (Brüssel, Künstlerische Leitung: Kasia Redzisz)
Performer:innenWietse Tanghe, Melvin Slabbinck, Rahmat Emonds, Lisa Sieni, Giulia Longoni, Rita Brancato, Alice Marchiori, Oscar Claus, Thybaud Monterisi
MusikMiet Warlop, Micha Volders, Oscar Claus, Rahmat Emonds
AufführungsplanDi/Mi und Fr/Sa, ganztägig · rund 50 Termine zwischen Mai und November 2026
Anschluss-TourMärz 2027 · Kanal–Centre Pompidou, Brüssel
OrtBelgischer Pavillon · Giardini · ältester Pavillon der Anlage
ArchitekturLéon Sneyers entwarf den belgischen Pavillon 1907 im Stil des Art Nouveau – inspiriert von Josef Hoffmann und der Wiener Secession. Belgien war die erste Nation, die einen eigenen Pavillon in den Giardini baute. Was davon übrig blieb, ist kaum noch das Original: Der Bau wurde dreimal grundlegend verändert – 1930, 1948 und 1997. Jede Epoche tilgte die vorherige und versuchte, modern zu wirken. Was geblieben ist: der zentrale Saal mit dem Oberlicht und der Eingangsbereich.

An den Wänden des belgischen Pavillons hängen nummerierte Handtücher, an den Trommeln warten Performer:innen in schwarzen Trikots. Eine hölzerne Tribüne klettert in den Saal hinauf, ihre Stufen voller Gipstafeln mit eingeprägten Worten in verschiedenen Sprachen: „hello", „salam", „stop", „ha", „dai" – und überall „SSST", das stumme „pst", das zum Schweigen aufruft. Mehrmals pro Tag aktivieren neun Performer:innen den Saal: Worte werden gereicht, geschleppt, gesungen, zerschlagen. Daneben füllen Arbeiter:innen unentwegt Silikonformen mit Gips – Material, das in den nächsten Performances wieder in Stücke zerspringt.

„Es ist überschwemmt, wie ein Kopf jetzt überschwemmt ist von all den Fragen und Barrieren des Lebens", sagt Miet Warlop über „IT NEVER SSST". Der Titel spielt zugleich mit „it never s-s-stops" und mit dem belgischen „ssst" für „Ruhe!". Doch die Schweigegebote sollen brechen: Im Laufe der Biennale werden die Gips-„SSST"-Tafeln nach und nach durch Worte und Laute aus den Muttersprachen der Performer:innen ersetzt. Gips wird zum Material für ein Spiel mit Wiederholung und Verfall – flüssig, aushärtbar, zerbrechlich, immer wieder neu gegossen. Die Musik komponiert Warlop mit Micha Volders, Oscar Claus und Rahmat Emonds.

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Niederlande

„The Fortress"
Ausstellung„The Fortress"
Künstler:inDries Verhoeven (bildender Künstler & Theatermacher)
Kurator:inRieke Vos · Kuratorin für zeitgenössische Kunst, Teylers Museum, Haarlem
KommissarEelco van der Lingen · Mondriaan Fonds
OrtNiederländischer Pavillon · Giardini · Rietveld-Pavillon
Architektur1953 beauftragte die niederländische Regierung Gerrit Rietveld mit dem Entwurf eines neuen permanenten Pavillons in den Giardini. Was entstand, ist so holländisch wie möglich: Von außen eckig und robust, entfaltet sich innen ein Raum aus Licht und Großzügigkeit. Keine Geste, kein Machtanspruch – stattdessen eine klare, gleichmäßig belichtete Box, die Kunst sprechen lässt, ohne selbst zu rufen. Rietveld, einer der Väter des De Stijl, schuf hier seinen vielleicht nüchternsten und überzeugendsten Bau. Sieben Jahrzehnte später ist er noch immer einer der elegantesten Pavillons der gesamten Giardini – und der Beweis, dass Zurückhaltung eine Form von Stärke ist.

Mit „The Fortress" zeigen die Niederlande 2026 erstmals eine Performance im eigenen Pavillon – und das Gebäude selbst wird Teil des Werks. Dries Verhoeven und Kuratorin Rieke Vos verwandeln Rietvelds lichten, transparenten Bau in seine eigene Antithese: In festgelegten Intervallen während des Tages schließen sich rasselnd Stahlblenden vor den Glasfassaden. Aus dem sonnendurchfluteten Symbol für Offenheit, Fortschritt und Nachkriegsoptimismus wird eine dunkle, festungsartige Hülle.

Im Inneren reagieren dreizehn internationale Performer:innen mit einer rauen, vokalen Performance auf das Eindringen der Dunkelheit – sie distanzieren sich nach und nach vom Publikum, „als würde die Finsternis selbst Besitz ergreifen". Verzweiflung, Verlassenheit, das schleichende Ende eines aufgeklärten Zeitalters: Das Werk fragt, wie westliche Gesellschaften auf geopolitische Unsicherheit reagieren – mit Mauern, Aufrüstung, geschlossenen Grenzen –, und führt vor, wie Schutzräume zu Gefängnissen werden können.

Verhoeven und Vos verstehen den Beitrag explizit als Kommentar zur Biennale selbst: Die Anordnung der dreißig Nationalpavillons spiegele eine vergangene Weltordnung, in der ehemalige Großmächte – meist westliche – nebeneinanderstehen, „in scheinbarer Einigkeit", obwohl viele Länder ihre Grenzen schließen, aufrüsten oder Kriege führen. „The Fortress" ist die Antwort auf dieses Paradox.

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Finnland

„Aeolian Suite"
Ausstellung„Aeolian Suite"
Künstler:inJenna Sutela (geb. in Turku · lebt in Berlin · Studium an der Aalto University Helsinki)
Kurator:inStefanie Hessler · Direktorin Swiss Institute New York · Kuratorin Parcours Art Basel · Co-Kuratorin Counterpublic Triennale 2026, St. Louis
KommissarJuha Huuskonen · Frame Contemporary Art Finland
OrtFinnischer Pavillon · Giardini · 70-jähriges Jubiläum 2026
ArchitekturAlvar Aalto entwarf den finnischen Pavillon 1956 in nur wenigen Wochen – als temporäre Struktur, die sich wie ein Zelt auf- und abbauen lassen sollte. Heute ist er ein geschütztes Kulturdenkmal und eine der bekanntesten Architekturen der gesamten Giardini. Außen kontrastieren große weiß gestrichene Dreiecke mit dunkelblau lasierten Holzelementen. Innen fällt das Licht ausschließlich durch Oberlichter – die Wände bleiben frei, ungestört, ganz der Kunst überlassen.

Zum 70-jährigen Jubiläum des Finnischen Pavillons verwandelt Jenna Sutela mit „Aeolian Suite" Aaltos lichten Bau in eine „Windscape" – eine multisensorische Klang- und Bewegungslandschaft, die aus meteorologischen Daten, Aufnahmen von Winden aus Venedig, Helsinki und anderswo sowie ungewöhnlichen Instrumenten komponiert ist: einer Wäscheleine, Windmaschinen, Alt-, Bass- und Kontrabass-Blockflöten, einem Kinder-Holzbläser-Orchester. In Sutelas „seltsamem Theater" ist der Wind nicht Hintergrund, sondern Hauptakteur.

Im Zentrum stehen die fünf venezianischen Winde – Tramontana, zwei verschiedene Boras, Scirocco und Garbin – als personifizierte Protagonisten, die das Wetter „singen" und gleichzeitig Anleitungen zum Hören geben. Damit wird das lokale Klima Venedigs zur Bühne für Fragen, die vom Alltäglichen ins Existenzielle reichen. Eine Szenografie von Celeste Burlina im Geist der Commedia-dell'arte-Wandertheater erinnert an Aaltos ursprünglichen Pavillon-Entwurf von 1956, der ja als mobile Konstruktion gedacht war; die vokalen Charakterisierungen sind vom Grammelot inspiriert – jener Theatertradition des wortlosen Sprechens durch Rhythmus, Tonfall und Geste.

„Aeolian Suite" verbindet wissenschaftliche und poetische Wissensformen: In Zusammenarbeit mit Wissenschaftler:innen des Institute of Marine Sciences CNR-ISMAR untersucht Sutela Vorhersageverfahren wie Klimasimulationen und Wetterprognosen, stellt ihnen aber sinnliche und mystische Praktiken wie das „Deep Listening" zur Seite. Statt Lärmunterdrückung und Berechenbarkeit wird die Unvorhersagbarkeit des Windes als „voll-relationales Wesen" angenommen – als Träger von Partikeln, Mikroben, Samen und Botschaften.

Der Titel ist auch ein direkter Wink an Koyo Kouohs Leitthema „In Minor Keys": „Aeolian" verweist auf die äolische Tonart – die natürliche Moll-Skala der westlichen Musiktheorie. Sutela, ursprünglich aus Turku und seit Jahren in Berlin lebend, hat zuvor u. a. am Centre d'Art Contemporain Genf, Swiss Institute New York und an der Serpentine London ausgestellt; ihre „lebenden Skulpturen" erforschen offene Systeme in Biologie, Berechnung und Sprache. Die Ausstellung wird begleitet von einer Publikation bei Mousse Publishing und einer Schallplatte beim Label PAN. Kommissioniert von Frame Contemporary Art Finland, in Partnerschaft mit Oulu2026 (Europäische Kulturhauptstadt).

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Ungarn

„Pneuma Cosmic" (Kosmischer Atem)
Ausstellung„Pneuma Cosmic"
KünstlerEndre Koronczi (*1968 Budapest · seit den 1990er Jahren prägende Figur der ungarischen Konzeptkunst · Dozent an der Eszterházy-Károly-Universität in Eger)
Werke„Trapped Breath" (Lüftungselemente der Ungarischen Akademie der Wissenschaften) · Video „Auf der Suche nach dem wichtigsten Seufzer" · „atmende Wand" · Klanginstallation
Forschungsrahmen„Ploubuter Park" – Koronczis windbasiertes Langzeitprojekt mit knapp 20 Jahren Material
KuratorinLuca Cserhalmi
KomponistMáté Balogh (Klang & Komposition)
KommissarinDr. Júlia Fabényi · Direktorin Ludwig Museum – Museum of Contemporary Art, Budapest
OrtUngarischer Pavillon · Giardini
Architektur1909 von Géza Maróti entworfen – Bildhauer, Architekt und Gesamtkünstler in einem – war der ungarische Pavillon der dritte überhaupt in den Giardini. Der ursprüngliche Bau war ein Gesamtkunstwerk im besten Sinne: reich dekoriert mit Mosaiken, Glasfenstern und ornamentalen Verweisen auf ungarische Geschichte und Mythologie. Was heute steht, ist kaum noch das Original. Zweimal grundlegend renoviert – 1958 und erneut in den 1990er Jahren – blieben vom ursprünglichen Bau nur Eingang und Dekoration.

Massive Lüftungselemente aus dem 200-jährigen, denkmalgeschützten Gebäude der Ungarischen Akademie der Wissenschaften stehen im ungarischen Pavillon: ausgebaute Metallrohre, Filter und Klappen, die einst über den Köpfen der Akademiker:innen den Atem reguliert haben. Endre Koronczi nennt diese erste Installation „Trapped Breath" – gefangener Atem – und schreibt den Geräten zu, dass sie „Atem, Seufzer und Sauerstoff durch die Gehirne der Großen des ungarischen Wissenschaftslebens" mit aufgenommen hätten. Es ist, wie Kommissarin Júlia Fabényi sagt, ein „Museum des Atems".

Eine zweite Installation dokumentiert in Videoform Koronczis einjährige Wanderung auf der Suche nach „dem wichtigsten Seufzer". Eine dritte verwandelt eine Pavillonwand selbst in eine „atmende Wand". Über allem liegt die Klangebene des ungarischen Komponisten Máté Balogh, der aus den lufttechnischen Bauteilen Töne formt – die Geräte werden zu Resonanzräumen ihrer eigenen früheren Aufgabe. Wissenschaftliche Logik und künstlerische Intuition fließen ineinander; das Ergebnis ist weniger Beweis als Hypothese: das altgriechische Pneuma – Atem, Hauch, Lebensgeist – als alles durchdringende, unsichtbare Strömung.

Endre Koronczi (*1968 Budapest), seit den 1990er Jahren prägende Figur der ungarischen Konzeptkunst, widmet sich seit knapp 20 Jahren ausschließlich windbasierten Arbeiten – Installationen, Videos, Fotografien, Open-Air-Projekte. „Pneuma Cosmic" ist das vorläufige Endkapitel seines Langzeitprojekts „Ploubuter Park", einer fast zwei Jahrzehnte alten Materialsammlung über Luftbewegungen. Kuratiert von Luca Cserhalmi, kommissioniert vom Ludwig Museum Budapest unter Leitung von Dr. Júlia Fabényi.

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Brasilien

„Comigo ninguém pode" (Mit mir kann's keiner aufnehmen)
Ausstellung„Comigo ninguém pode"
KünstlerinnenRosana Paulino (*1967 São Paulo) & Adriana Varejão (*1964 Rio de Janeiro)
WerkePaulino: „Aracnes" (1999–2026, Betonwand mit Fotografien versklavter Frauen) · „Atlantic Vermelho" (2026, Digitaldruck) · „Ninfa tecendo o casulo" · Varejão: „Still Life amid Ruin" (2026, Reliefs und Wandmalereien)
KuratorinDiane Lima (*1986 · Schwarz-feministische Kuratorin · Mitkuratorin 35. Bienal de São Paulo)
Kuratorische AssistenzGiovanna Querido
KommissarinAndrea Pinheiro · Präsidentin Fundação Bienal de São Paulo · in Partnerschaft mit Kultur- und Außenministerium
Präsentiert vonPetrobras
OrtBrasilianischer Pavillon · Giardini (auf der anderen Seite über die Brücke)
Architektur1964 von Giancarlo Palanti, Henrique Mindlin und Walmyr Lima Amaral entworfen – Ikone der brasilianischen Tropenarchitektur im Geist Niemeyers: klare Linien, große Glasflächen, fließender Übergang von Innen und Außen. 2024–2026 in drei Phasen restauriert; Anfang 2026 abgeschlossen. Die Biennale 2026 ist die erste im erneuerten Pavillon.

In den brasilianischen Pavillon brechen Reliefs durch die Wände: Adriana Varejãos „Still Life amid Ruin" lässt es so wirken, als könne das Gebäude die Geschichten, die es birgt, nicht mehr halten. Gegenüber Rosana Paulinos „Aracnes" (1999–2026), eine Betonwand, in die Fotografien versklavter Frauen eingelassen sind. Dazwischen Paulinos „Atlantic Vermelho" (2026), ein Digitaldruck, der Varejãos Reliefformen ins Zweidimensionale übersetzt – ein doppeltes Echo zwischen zwei Künstlerinnen derselben Generation.

„Comigo ninguém pode" ist im Portugiesischen sowohl der Name der Pflanze Dieffenbachia – schön, robust, hochgiftig, in Brasilien als Schutzgewächs vor Hauseingängen gepflanzt; ihr Saft kann beim Verschlucken die Stimmbänder vorübergehend lähmen – als auch das Sprichwort „Mit mir kann es niemand aufnehmen". Aus dieser Doppelung zieht das Projekt seine Sprache: Schutz, Toxizität, und das Schweigen, das durchbrochen werden soll. Brasilien, eine der zentralen Stätten der Sklaverei in Amerika, findet hier eine Sprache des Überdauerns.

„Wenn aus dem 'Ich' ein 'Wir' wird, dann viele, dann eine ganze Nation, die ihr Wissen als Form der Verteidigung und Souveränität nutzt", schreibt Diane Lima zum Projekt. Paulinos Praxis hängt in den Sammlungen von MoMA, Tate Modern und Centre Pompidou; Varejãos Arbeiten im MET, in der Tate Modern und im MASP São Paulo. 2026 ist die erste Biennale im erneuerten Pavillon – die seitlichen Glaswände, jahrzehntelang verdeckt, sind nach dreijähriger Restaurierung erstmals wieder freigelegt.

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Griechenland

„Escape Room"
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Ausstellung„Escape Room"
Künstler:inAndreas Angelidakis (*1968 Athen · Architekt und Künstler · studierte Architektur am SCI-Arc Los Angeles und an der Columbia University New York · documenta 14 in Athen und Kassel 2017 · lebt in Athen)
Kurator:inGiorgos Bekirakis (unabhängiger Kurator)
OrtGriechischer Pavillon · Giardini · am äußersten Rand der Giardini
Architektur1934 eingeweiht · massive Backsteinfassade mit drei romanischen Rundbögen · Synthese aus byzantinischer Sakralarchitektur und mediterranem Lagerhaus · die zwei Frontsäulen zitieren versteckt die Hagia Sophia – eine „Mini-Hagia-Sophia mit Replica-Säulen" (Angelidakis) · ornamentale Ziegelmuster im Fries, mächtige Stufen, schlichte Marmorsäulen · erinnert an Getreidespeicher und Kirchenschiffe des griechischen Hinterlands

Der griechische Pavillon verwandelt sich mit Andreas Angelidakis' „ESCAPE ROOM" in eine zeitgenössische Version von Platons Höhle – eine immersive Installation an der Schnittstelle von physischem Raum und digitaler Illusion. Platons Höhlengleichnis erzählt von Menschen, die gefesselt in einer Höhle sitzen und nur Schatten an der Wand sehen – für sie ist das die ganze Wirklichkeit; ein Gefangener befreit sich, tritt ins Licht, erkennt die Schatten als bloße Abbilder und stößt bei seiner Rückkehr auf Unglauben: ein Bild dafür, wie sehr wir an gewohnten Bildern festhalten und wie anstrengend, aber auch befreiend der Weg zu neuer Erkenntnis sein kann.

Angelidakis teilt den Pavillon physisch in zwei Hälften – als Echo des Nationalen Schismas von 1915, als Griechenland für zwei Jahre in zwei rivalisierende Staaten zerfiel. Die eine Hälfte ist eine Bouzoukia-Bühne, vollständig digital, gerahmt von Angelidakis' typischen „Pouf-Säulen" aus Schaumstoff. Die andere folgt einer „alla turca"-Ästhetik, einem Souvenirkiosk nachempfunden. „Beides muss koexistieren", sagt der Künstler: „das osmanische Griechenland und das, was wir den Romios nennen – den, der aus der Fremde kam und es angeblich besser wusste." Am Eingang eine schwarze Stoffintervention für Vaso Katraki – die Künstlerin gewann 1966 in Venedig einen Preis und wurde später für ihre politischen Überzeugungen inhaftiert.

„ESCAPE ROOM" friert ein Jahr ein, das Angelidakis als „Year Zero" bezeichnet: 1934. In jenem Jahr wurden Hitler (90 %) und Mussolini (99,85 %) per Wahl bestätigt; die beiden Diktatoren trafen sich erstmals persönlich in Venedig zur 19. Biennale, der griechische und der österreichische Pavillon wurden eröffnet, das NS-Regime begann die systematische Verfolgung Homosexueller. Zwischen den Pavillon-Säulen erscheinen heute Looping-Videos – Giorgos Marinos, Aliki Vougiouklaki als „Agent Nelly", Standbilder aus „Attack of the Giant Moussaka", Fuchsia-Slogans wie „Greece of the Greeks, Christian Greeks". Angelidakis nennt die Pavillons der Giardini „Frozen Fascist and Colonial Caves" – eingefrorene Zellen, deren Wahrheits-Mechanik heute, in einer „Phantasmagorie des globalen Trumpismus" und MAGA-Inszenierung des Faschismus 2025, an Platons Höhle erinnert: „Ersetzt man die Höhle durch den Bildschirm, bleibt davon alles übrig."

Ein scheinbar harmloses Badezimmer-Selfie zieht die Besucher:innen tiefer in einen Spiegelraum, der historische und gegenwärtige Gewaltverhältnisse reflektiert. Der Athener Künstler, dessen Praxis Architektur, Internetkultur und Ausstellungsgestaltung verschränkt, choreografiert eine Abfolge von Räumen, in denen Wahrnehmung, Erinnerung und Fiktion ineinander greifen. Kuratiert von Giorgos Bekirakis, zeigt „ESCAPE ROOM" eine Gegenwart, in der Realitäten nach Spielregeln strukturiert sind und „Flucht" oft in friktionslose virtuelle Welten führt – „eine Einladung", so Bekirakis, „Geschichte nicht als Gegebenes, sondern als offenes Feld der Interpretation zu sehen".

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Rumänien

„Black Seas – Scores for the Sonic Eye" (Das Schwarze Meer im Plural – Partituren für das tönende Auge)
Ausstellung„Black Seas – Scores for the Sonic Eye"
Künstler:innenAnca Benera & Arnold Estefán · seit 2012 als Duo · leben und arbeiten in Wien und Bukarest · Birgit-Jürgenssen-Preis 2022 · Akademie-Schloss-Solitude-Alumni (2021)
WerkstrukturAudiovisuelle und skulpturale Installation: 2 Filme · mehrere Skulpturen · Klangkompositionen
KuratorinnenCorina Oprea & Diana Marincu
Klang-TeamSimina Oprescu (Komposition) · Diana Miron (Performance, Vokalkomposition) · Laurențiu Coțac & Attila Faravelli (Field Recording)
KommissarIoana Ciocan · Rumänisches Kulturministerium
OrtRumänischer Pavillon · Sant'Elena · am östlichsten Rand der Giardini · Erweiterung in der Neuen Galerie des Rumänischen Instituts für Kultur und Geisteswissenschaften, Palazzo Correr, Cannaregio 2214
Architektur1932 von Brenno Del Giudice entworfen und 1938 eingeweiht, liegt der rumänische Pavillon am östlichsten Rand der Giardini, auf der Insel Sant'Elena. Ein neoklassizistischer Bau, symmetrisch, mit einem monumentalen Eingangsportal, das mehr verspricht als es hält. Denn dieser Pavillon hat zwei Türen: eine große, triumphale – und eine kleine, hinten, die ins Nirgendwo führt. Zwischen diesen beiden Eingängen liegt seine eigentliche Architektur: die Spannung zwischen Repräsentation und Durchlässigkeit, zwischen Geste und Zweifel.

Mit „Black Seas – Scores for the Sonic Eye" verwandeln Anca Benera und Arnold Estefán den rumänischen Pavillon in einen „beinahe unter Wasser" gelegenen Resonanzraum: eine großformatige audiovisuelle und skulpturale Installation, die das Schwarze Meer nicht als feststehende Geographie, sondern als plurale, vernetzte Hydroskape denkt – geformt von den Flüssen, die in es münden, durchzogen von kolonialen, militärischen und ökologischen Geschichten Europas, mit Strömungen, die bis ins Mittelmeer und in die Adria reichen und das Meer historisch direkt mit Venedig verbunden haben.

Zwei Filme, mehrere Skulpturen und eine Klangschicht bauen den Pavillon zu einem zweistöckigen Raum aus: An der Oberfläche – kontrolliert durch geopolitische Grenzen – und in der Tiefe, wo das Schwarze Meer eine anoxische, sauerstofffreie Schicht birgt, die wie eine museale Konservierungskammer das Vergehen der Zeit fast zum Stillstand bringt. Organismen, die sich in diesen Sedimenten ablagern, können in einen Schlafzustand fallen und Jahrhunderte später, unter veränderten Bedingungen, „auferstehen" – die sogenannte resurrection ecology. Zukunft verstehen heißt hier, in der Zeit zurückzureisen.

„Klang im Zentrum eines rumänischen Pavillon-Beitrags – das ist eine Premiere", sagt Corina Oprea. Aus Field Recordings, Kompositionen und Vokalperformances entstehen Partituren für ein „tönendes Auge" – das Meer wird vom passiven Bildgegenstand zum sprechenden Gegenüber. „Auch die Stimmen, die jenseits des Menschlichen liegen", ergänzt Diana Marincu. Die Inszenierung ist explizit barrierearm gestaltet. Ergänzend dazu zwei weitere Arbeiten im Palazzo Correr in Cannaregio.

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Polen

„Liquid Tongues" (Flüssige Zungen)
ARTBEAT TOP EMPFEHLUNG
Ausstellung„Liquid Tongues"
Künstler:innenBogna Burska (Multimedia-Künstlerin & Dramatikerin · Mitbegründerin von „Artmix", Polens erster Online-Plattform für feministische Kunst, 2001) & Daniel Kotowski (gehörloser Künstler & Performer · Doktorand an der Fakultät für Intermedia, Akademie der Bildenden Künste Gdańsk, mit Burska als Betreuerin)
Werk„Liquid Tongues" (2026, Zwei-Kanal-Videoinstallation; ein Bildschirm hängt hoch oben, damit Besucher:innen wie vom Beckenboden aus hinaufschauen)
DrehortHallenbad in Warschau · drei Drehtage · Vorstudien im Sommer 2025 in der Ostsee
Vorgängerarbeit„Oddychaj" (Breathe, 2025) · Center for Contemporary Art Łaźnia, Gdańsk · erste gemeinsame Videoarbeit des Duos
MitwirkendeChór w Ruchu (Choir in Motion · gegr. 2014 · gemischter Chor aus gehörlosen und hörenden Performer:innen) · Alicja Czyczel (Choreografie) · Aleksandra Gryka (Klangkomposition) · Magdalena Mosiewicz (Fotografie/Video)
KuratorinnenEwa Chomicka & Jolanta Woszczenko
KommissarinAgnieszka Pindera · Direktorin Zachęta – National Gallery of Art, Warschau
ProduktionZachęta – National Gallery of Art (seit über 70 Jahren verantwortlich für die polnische Biennale-Beteiligung) · italienischer Partner: Adam Mickiewicz Institut
AuswahlZweistufiger offener Wettbewerb · Wettbewerbsjury im August 2025 in der Zachęta · bestätigt von Kulturministerin Marta Cienkowska
ReferenzRoger Payne, „Songs of the Humpback Whale" (1970) – Schallplatte, die zur internationalen Anti-Walfang-Bewegung beitrug
OrtPolnischer Pavillon · Sant'Elena · östlicher Rand der Giardini
Architektur1932 von Brenno Del Giudice entworfen, liegt der polnische Pavillon auf der Insel Sant'Elena, eingebettet in einen Komplex aus fünf aneinandergereihten Bauten. Kein Machtgestus, kein Repräsentationsanspruch. Italienischer Rationalismus der 1930er Jahre, nüchtern und proportioniert.

Mit „Liquid Tongues" verwandelt Polen seinen Pavillon in eine Audio-Video-Installation über randständige Sprachen und „mehr-als-menschliche" Kommunikation. Bogna Burska, polnische Multimedia-Künstlerin und Dramatikerin, arbeitet hier eng mit Daniel Kotowski, einem gehörlosen Künstler und Performer, dessen Praxis sich der Erforschung gehörloser Erfahrung und Sprache widmet. Im Zentrum: der „Chór w Ruchu" (Chor in Bewegung), ein gemischtes Ensemble aus gehörlosen und hörenden Sänger:innen, das Walgesänge und Walkommunikation interpretiert – auf Englisch und in International Sign (IS), der internationalen Gebärdensprache.

Drei Drehtage in einem Warschauer Hallenbad bilden die filmische Grundlage. Im Pavillon übertragen zwei Videoschirme die Aufnahmen – einer hängt hoch unter der Decke, sodass der Blick der Besucher:innen sich nach oben hebt wie vom Beckengrund. Unter Wasser kehren sich die Hierarchien um: Wo gesprochene Sprache zur verzerrten Schwingung wird, bleibt International Sign präzise und ungebrochen.

Schlüsselbegriff ist „Deaf Gain": die Umkehr der gängigen Sicht auf Gehörlosigkeit, nicht als Defizit, sondern als eigenständige Kultur und Wahrnehmungsform. Eingewoben in das Videomaterial ist die Geschichte des amerikanischen Biologen Roger Payne, der 1970 mit der Schallplatte „Songs of the Humpback Whale" die Walgesänge erstmals einem breiten Publikum zugänglich machte – ein Klangereignis, das die internationale Anti-Walfang-Bewegung mit auslöste. Die Choreografie des Chors, von Alicja Czyczel entwickelt, folgt den Bewegungsmustern großer Fischschwärme; Aleksandra Grykas Klangkomposition arbeitet mit Wellen, die Walgesänge und Echolokation evozieren.

„Phonische Sprache regiert die Biennale, vor allem das Englische", konstatiert Daniel Kotowski. „Wir haben hier die Möglichkeit, unsere Perspektive in International Sign zu artikulieren – nicht in polnischer Gebärdensprache. Englisch trägt eine sprachliche Hierarchie in sich, IS nicht." Die Arbeit knüpft an die Vorgängerarbeit „Oddychaj" (Breathe, 2025, Łaźnia Gdańsk) an, in der Burska unter Wasser ihre Stimme verlor, während Kotowski ungehindert weitergebärdete. Ein zweiter Erzählstrang führt zu indigenen Gebärdensprachen Nordamerikas, deren Ursprünge bis 1400 v. Chr. zurückreichen – ein liquid tongue gegen die nur wenige hundert Jahre alte Tradition europäischer Gebärdenforschung.

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Venedig Pavillon

„Note persistenti" („Anhaltende Töne") · mit „Artefici del nostro tempo" und „Diario veneziano"
Ausstellung„Note persistenti" (Anhaltende Töne)
KuratorinGiovanna Zabotti
Kuratorische MitwirkungDenis Isaia · Cesare Biasini Selvaggi (Kunstkritiker, Herausgeber von exibart)
KommissarMaurizio Carlin
Vier Dimensionensommersa (versunken) · domestica (häuslich) · mitologica (mythologisch) · collettiva (kollektiv)
Künstler:innenAlberto Scodro (sommersa: Skulpturen aus Sand, Glas, Pigmenten und Materialresten) · Dardust & Paolo Fantin (mitologica: Klanginstallation „Sommersivo", alle 55 Min., zwei Akte, mit iPad-Interaktion · tech. Partner: H-Farm) · Ilya & Emilia Kabakov (domestica: Sektion „Diario veneziano", ko-kuratiert von Cesare Biasini Selvaggi und Giulia Abate, organisiert von BAM) · Gewinner:innen „Artefici del nostro tempo" (collettiva · 2026 mit Fokus auf Künstlerinnen)
„Diario veneziano" HauptausstellungCa' Tron (IUAV-Universität, Santa Croce 1957, Canal Grande) · 9. Mai – 28. Juni 2026
Open CallJanuar 2026 · viermonatiger partizipativer Prozess mit Schulen, Akademien und Universitäten
HauptpartnerBPER Banca La Galleria Corporate Collection
SchirmherrschaftStadt Venedig · Bürgermeister Luigi Brugnaro
Eröffnung8. Mai 2026 mit Live-Konzert von Dardust
Laufzeit9. Mai – 22. November 2026
OrtVenezia-Pavillon · Giardini · gehört der Stadt Venedig selbst, nicht einer Nation
ArchitekturDer Venezia-Pavillon, 1938 fertiggestellt, ist eine der größten Strukturen der gesamten Giardini – und der einzige, der nicht einer Nation, sondern der Stadt selbst gehört. Ein massiver, nüchterner Bau, der im Laufe der Jahrzehnte mehreren Ländern gleichzeitig als Ausstellungsraum diente: Serbien, Ägypten, Polen und Rumänien teilten sich seine Räume, bevor sie eigene Pavillons bezogen. Kein Stararchitekt, keine ikonische Geste. Ein Bau, der nie im Mittelpunkt stand und genau deshalb immer gebraucht wurde. Die Stadt Venedig als Gastgeberin, die den anderen Platz macht – und dabei selbst kaum sichtbar bleibt.

Mit „Note persistenti" („Anhaltende Töne") versteht der Venedig-Pavillon die Lagunenstadt als lebendigen Organismus, durchzogen von unsichtbaren Erinnerungen, Schichten und Schwingungen. Das Projekt antwortet direkt auf Koyo Kouohs Leitthema „In Minor Keys": Wie eine Komposition in Moll lädt die Schau ein, den tieferen Frequenzen Venedigs zu lauschen – jenen Tönen, die aus den Fundamenten der Stadt aufsteigen, aus den Geschichten ihrer Bewohner:innen, aus der Materie, die sie trägt.

Der Parcours entfaltet sich als Sequenz von Räumen, die durch vier symbolische Dimensionen der Stadt führen: sommersa (versunken), domestica (häuslich), mitologica (mythologisch) und collettiva (kollektiv). Kuratorin Giovanna Zabotti spricht von einem „relationalen Pavillon, in dem die Werke nicht nur betrachtet werden, sondern Verbindungen zwischen Menschen, Geschichten und Wahrnehmungen aktivieren". Ihre Venedig manifestiere sich „durch minimale, poetische Zeichen – das Licht, das vom Wasser an die Wände geworfen wird, die versunkenen Teile, die intimen Erinnerungen derer, die hier täglich leben".

Bei der Eröffnung am 8. Mai 2026 spielte der Pianist und Producer Dardust sein Stück „Sommersivo" – ein Werk, das künftig alle 55 Minuten den Venedig-Pavillon durchziehen wird. Konzipiert mit Bühnenbildner Paolo Fantin (technischer Partner: H-Farm), ist es in zwei Akte geteilt; im ersten können Besucher:innen auf iPads ihre Gedanken hinterlassen und werden so Teil der Komposition. Die versunkene Note vertraut Zabotti dem Bildhauer Alberto Scodro an: Skulpturen aus Sand, Glas, Pigmenten und Materialresten, die Sedimente unter dem Wasserspiegel evozieren. Kommissar Maurizio Carlin: „Es braucht keine spektakulären Gesten, um aufzufallen, sondern das Zuhören und das Sich-Bücken zu den kleinen Dingen."

Die häusliche Note belegen Ilya und Emilia Kabakov mit „Diario veneziano" – jenes partizipative Großprojekt, das parallel auf dem Piano nobile der Ca' Tron (IUAV-Universität, Canal Grande, 9. Mai – 28. Juni 2026) seine Hauptausstellung hat. Auf einen offenen Aufruf im Januar 2026 antworteten Kinder, Senior:innen, neue Bürger:innen und seit Generationen ansässige Familien aus Venedigs Inselstadt und vom Festland: vier Monate lang sammelten Schulen, Akademien und Universitäten Tagebuchseiten und Objekte – Werkzeuge, Fotografien, Fischernetze, Plüschtiere –, jede Erzählung nur mit dem Vornamen unterzeichnet, „weil jede Geschichte ein Geschenk an die Gemeinschaft ist". Cesare Biasini Selvaggi, der die Sektion gemeinsam mit Giulia Abate kuratiert, nennt die Objekte „nicht einfach Ready-mades, sondern Resonanzkammern von Leben". Drei Jahre nach Ilya Kabakovs Tod führt Emilia die Idee weiter, die das Paar 1993 in Gent erstmals erprobt hatte – und schreibt ein neues Kapitel ihrer beinahe fünfzigjährigen Venedig-Beziehung.

Artefici del nostro tempo. Wie schon in den vergangenen sieben Jahren beherbergt der Pavillon parallel die Gewinnerwerke des Wettbewerbs für junge, aufstrebende Künstler:innen. Die Disziplinen reichen von Malerei, Fotografie, Video und Skulptur über Glasdesign und Public Art (Graffiti, Street Art, Performance) bis zu Grafik und Stadtmöbel-Design. Eingereicht werden ausschließlich unveröffentlichte Werke. Für 2026 setzt das Programm einen ausdrücklichen Fokus auf Künstlerinnen – im Sinne von Kouohs Aufruf zur „Radikalität der Freude" und zur Aufmerksamkeit für leise, übersehene Stimmen.

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Ägypten

„Silence Pavilion: Between the Tangible and the Intangible"
Ausstellung„Silence Pavilion: Between the Tangible and the Intangible"
Künstler:inArmen Agop (*1969 Kairo · ägyptisch-armenischer Herkunft · Absolvent der Helwan-Universität Kairo 1992 · lebt und arbeitet in Italien)
Kurator:inArmen Agop · Künstler und Kurator zugleich
Architektur1932 von Brenno Del Giudice als Teil eines Komplexes auf Sant'Elena entworfen, diente das Gebäude zunächst als Schweizer Pavillon – bevor die Schweiz 1952 in einen eigenen Neubau umzog und Ägypten einzog. Der Bau folgt Del Giudices rationalistischer Handschrift: symmetrisch, nüchtern, mit einem Eingangsbereich, der leicht aus der Fassade hervortritt. Ein rechteckiger Hauptraum, flankiert von zwei kleineren Nebenräumen – kompakt, funktional, ohne Geste. Ein Pavillon, der nie für Ägypten gebaut wurde – und der gerade deshalb offen bleibt für alles, was Ägypten hineinbringt.

Mit „Silence Pavilion: Between the Tangible and the Intangible" verwandelt Armen Agop den ägyptischen Pavillon in einen Raum der Kontemplation. Drei Räume – Skulpturen und Malerei, vor allem in Granit – führen vom Ungreifbaren über das Greifbare bis zum, wie Agop es nennt, „mystischen Unsichtbaren". Besucher:innen werden gebeten, nicht zu sprechen und nicht zu fotografieren. Die Stille selbst wird Material: nicht als Abwesenheit, sondern als Präsenz – ein bewusster Akt der Erdung in einer Zeit globaler Beschleunigung.

Im zweiten Raum hüllt Dunkelheit den Besucher ein, durchsetzt von einer choreografierten Verschränkung aus Licht, Klang und Duft. Im Zentrum eine große elliptische Malerei in Schwarz, aus der eine subtile Leuchtkraft hervortritt – Resultat eines Verfahrens, das Agop „Gestural Mantra" nennt: ritualhafte, repetitive Striche mit der dünnsten Federspitze, bis die Fläche selbst zu einer Aufzeichnung von Zeit und Andacht wird. Daneben ruht eine kreisrunde schwarze Granitskulptur, in sich gekehrt, geschlossen.

Agops Praxis kreist seit über drei Jahrzehnten um wenige, klar gesetzte Prinzipien: Nüchternheit, Langsamkeit, Verzicht auf demonstrative Gesten. Inspiriert von der Wüste und der altägyptischen Sensibilität, destilliert er seine Werke auf wesentliche Formen, frei von Erzählung oder Repräsentation. Skulpturen werden zu „Spuren" – Aufzeichnungen von Zeit und Bewusstsein, Echos eines spirituellen Prozesses. Stille ist hier keine Absenz, sondern eine generative Kraft, in der Bedeutung allmählich anwächst.

Geboren 1969 in Kairo, schloss Agop 1992 sein Studium an der Fakultät für Bildende Künste der Helwan-Universität in Kairo ab. Seine ägyptisch-armenische Herkunft prägt das Werk auf zweifache Weise: Sein Großvater überlebte den Armenischen Genozid und fand in Ägypten Zuflucht – Agops Teilnahme als Repräsentant Ägyptens trägt damit eine besondere biografische Resonanz von kultureller Koexistenz und Resilienz. Heute lebt und arbeitet er in Italien.

Kommissioniert vom Ägyptischen Kulturministerium und der Accademia d'Egitto a Roma, fügt sich der Pavillon präzise in Koyo Kouohs Leitthema „In Minor Keys" – als „kontemplative Gegenmelodie, die in Moll-Tonarten durch Tiefe statt Lautstärke spricht". 1995 erhielt Ägypten an genau diesem Ort den Goldenen Löwen für die beste nationale Beteiligung; 2026 setzt der Pavillon stille Akzente gegen den Lärm und die Unmittelbarkeit der Gegenwart.

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Serbien

„Through Golgotha to Resurrection" (Durch Golgatha zur Auferstehung)
Ausstellung„Through Golgotha to Resurrection" (Durch Golgatha zur Auferstehung)
Künstler:inPredrag „Pedja" Djaković (geb. 1964 in Derventa, ehem. Jugoslawien · serbisch-tschechischer Maler · lebt in Prag)
Kurator:innenTomaš Koudela & Olga Čučković
OrtSerbischer Pavillon · Giardini, Sant'Elena
Architektur1932 von Brenno Del Giudice entworfen und 1938 fertiggestellt, ist der serbische Pavillon Teil eines Komplexes von fünf identischen Ausstellungsräumen auf Sant'Elena. Italienischer Rationalismus der 1930er Jahre, nüchtern und symmetrisch. Ursprünglich Schweden und Griechenland zugedacht, wurde das Gebäude 1938 dem Königreich Jugoslawien zugesprochen – erster Kommissar war Milan Kašanin, damals Direktor des Belgrader Prinz-Paul-Museums. Nach dem Zerfall Jugoslawiens 2003 ging das Erbe an Serbien über.

Mit „Through Golgotha to Resurrection" zeigt Predrag „Pedja" Djaković einen großformatigen Werkzyklus auf 320 m² – Gemälde und Installationen, ergänzt durch rund 14.600 Stücke originalen Archivmaterials und Fotografien aus den Beständen des Archivs der Wojwodina. Der Maler, 1964 im damaligen Jugoslawien (heutigen Bosnien-Herzegowina) geboren und an der Akademie der Bildenden Künste in Prag ausgebildet, lebt seit Jahrzehnten in der tschechischen Hauptstadt.

Auf der Längswand fügt Djaković Fotografien aus persönlichen Familienarchiven, anonyme Porträts, Karten, Verwaltungsdokumente und Zeitungsausschnitte zu einem fragmentarischen Gedächtnisfeld – ohne Chronologie, „widerständig gegen Erzählung". Gegenüber türmen sich die Koffer als monumentale skulpturale Ansammlung: Zeichen erzwungener Mobilität – Deportationen, Exil, Umsiedlungen, unmögliche Rückkehr. Die Klavier-Improvisation, vom Künstler selbst eingespielt, hält den Raum emotional zusammen. „Golgatha" und „Auferstehung" versteht der Beitrag, so die Kuration, „nicht als religiöse Motive, sondern als Zustände" – ein Bild für Verlust und mögliche Wandlung.

Das Projekt geht den Spuren europäischer Geschichte, Identität und Ideologie nach und fragt, wie ein Individuum unter dem Gewicht von Vergangenheit und Ideologie überlebt. Im Zentrum steht die Idee, dass Wunden zu „Räumen der Transformation" werden können – die titelgebende Bewegung „durch Golgatha zur Auferstehung" als Bild für historisches Trauma und seine mögliche Wandlung. Migration, Erinnerung und kollektives Gedächtnis bilden die thematische Klammer. Kuratiert wird der Pavillon von Tomaš Koudela und Olga Čučković.

Die Auswahl Djakovićs hat in Serbien eine Kontroverse ausgelöst: Mehr als 600 Kunstschaffende, Kunsthistoriker:innen und Kulturarbeiter:innen unterzeichneten eine Petition und warfen dem Auswahlprozess Intransparenz und Eile vor – die Ausschreibung war nur einen Monat lang offen, eine Shortlist wurde nicht veröffentlicht. Kritiker:innen sehen den Beitrag als Ausdruck der Kulturpolitik der Regierung. Djaković und seine Kurator:innen verstehen ihr Werk hingegen als „inneres Zeugnis" der historischen Traumata Europas, das nationale und politische Grenzen übersteigen will.

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Österreich

„Seaworld Venice"
ARTBEAT TOP EMPFEHLUNG
Ausstellung„Seaworld Venice"
KünstlerinFlorentina Holzinger (*1986 Wien · Choreografin und Performance-Künstlerin · vorherige Werke u. a. „A Divine Comedy" 2020, „Tanz" 2019, „Ophelia's Got Talent" 2022, Skandal-Oper „Sancta" 2024)
KuratorinNora-Swantje Almes (Gropius Bau, Berlin)
Tournee nach VenedigGropius Bau Berlin (März 2027) · Kunsthalle Wien (Juni 2027) · AMANT New York (Frühjahr 2028)
BuzzEines der meistdiskutierten Pavillons der Biennale 2026 · Warteschlangen von 2+ Stunden · Eingang gestaffelt wegen Flutung
HinweisAb 18 · physisch intensives Erlebnis · explizite Nacktheit, laute Maschinerie, Wasser
OrtÖsterreichischer Pavillon · Giardini
ArchitekturJosef Hoffmann, 1934 · erster Pavillon, der das Konzept des White Cube in die Giardini brachte · einfache, symmetrische Struktur, ganz der Kunst dienend · Hoffmann als Mitgründer der Wiener Secession hinterließ hier seinen reinsten, zeitlosesten Bau · nach dem Anschluss 1938 als Lager für Cinecittà-Filmproduktionen missbraucht · 1984 von Hans Hollein in Originalzustand restauriert · 2024: 90-jähriges Jubiläum

Speziell für den österreichischen Pavillon und die venezianische Lagune entwickelt, erweitert das Projekt Holzingers langfristige Forschung zu Wasser, feministischer Körperrealität und verkörpertem Risiko. Basierend auf mythologischen Wasserfiguren und spekulativen Zukünften entfaltet sich das Werk über Installationen und Live-Acts hinweg und lädt das Publikum in eine immersive Landschaft ein, in der Choreografie, Theater und Performance aufeinandertreffen. Provokativ, physisch und kompromisslos unmittelbar vermittelt „Seaworld Venice“ den Pavillon als dynamischen Ort der Erfahrung, der zeitgenössische Performance mit breiteren ökologischen, sozialen und körperlichen Fragen verbindet.

„SEAWORLD VENICE“ ist gleichzeitig drei Dinge: Unterwasserthemenpark, Kläranlage und Sakralbau. Ein maschinenhafter Organismus, in dem Reinheit und Verschmutzung, Schuld und Sühne, Natur und Technologie unausweichlich aufeinanderprallen.

Inspiriert von Ophelia, Sirenen und Meerjungfrauen, imaginiert Holzinger Venedig als feministische, amphibische Stadt, die der Klimakrise durch Resilienz und kollektive Transformation begegnet. Performer steigen aus den Mülltiefen der Lagune auf — und machen sichtbar, was der Turbotourismus hinterlässt und was das Meer längst verschluckt hat.

»Florentina Holzinger malt ein apokalyptisches Szenario — eines, in dem wir uns bereits befinden. Leben im Abfall anderer. Robotische Höllenhunde, die den Weg in die Zukunft weisen.« — Nora-Swantje Almes, Kuratorin Österreichischer Pavillon 2026

Holzingers Praxis — dem Erbe des Wiener Aktionismus und der feministischen Body Art verpflichtet — dekonstruiert Weiblichkeitsbilder, seziert Patriarchat und Kapitalismus. In Venedig nutzt sie die Fragilität der sinkenden Stadt als Bühne: als Metapher für das, worin wir uns alle bereits befinden. Das Publikum sollte sich auf das Unvermeidliche vorbereiten — es wird nass.